Die Gründung des Museums

14. Jänner 2020 | 1894 Gründung des Vereins, 1895 Gründung des Museums – so wird es tradiert und so haben es viele von uns verinnerlicht. Aber stimmt das? Gerade über das Gründungsdatum des Museums diskutieren wir immer wieder, teils heftig, zuletzt kurz vor Weihnachten 2019. Werfen wir einen Blick auf die Fakten in den Akten.

Die Gründung des Vereins für österreichische Volkskunde ist in den wenigen noch vorhandenen Dokumenten wie auch im ersten Jahrgang der Zeitschrift für österreichische Volkskunde 1895 gut dokumentiert. Der Indologe Michael Haberlandt, der Orientalist Wilhelm Hein und der Prähistoriker Moriz Hoernes, Kollegen an der anthropologisch-ethnographischen Abteilung am k. k. naturhistorischen Hofmuseum, entwickelten Mitte Oktober 1894 erste Ideen zu einer Vereinsgründung. Ein Personenkomitee, dem außerdem noch Alois Riegl (Kunsthistoriker, Österreichisches Museum für Kunst und Industrie), Robert Sieger (Geograph, Universität Wien), Karl Masner (Kunsthistoriker, Österreichisches Museum für Kunst und Industrie) sowie Franz Xaver Grössl (Präparator, Naturhistorisches Hofmuseum) angehörten, forcierte das Projekt und reichte die von Wilhelm Hein entworfenen Vereinsstatuten am 20. November 1894 bei der Niederösterreichischen Statthalterei zur Genehmigung ein. Diese erfolgte mit der Aktenzahl 92.496 am 12. Dezember 1894. Durch die Lancierung eines von 145 Personen des öffentlichen Lebens unterzeichneten Aufrufs zum Eintritt in den Verein für österreichische Volkskunde konnte am 20. Dezember 1894 im Sitzungssaal des Alten Rathauses in der Wipplingerstraße 8 die konstituierende Sitzung mit einem Mitgliederstand von 319 Personen (lt. Protokoll der Sitzung) stattfinden.

Der Vereinszweck war gemäß § 2 der Statuten „die Erforschung aller Äusserungen des Volkslebens in den im Reichsrathe vertretenen Königreichen und Ländern und in Verbindung damit die Weckung des Verständnisses für altüberlieferte Sitten und Gebräuche beim Volke selbst.“ Dieser Zweck sollte zuallererst durch „Anlegung von Sammlungen, welche im Laufe der Zeit zu einem Museum für österreichische Volkskunde auszugestalten wären“, weiters durch die Herausgabe einer Zeitschrift und von Monographien sowie der Abhaltung periodischer Versammlungen, öffentlicher Veranstaltungen und Vorträge erreicht werden. Das war die erste schriftliche Erwähnung des Museums und bereits am Ende der konstituierenden Vereinssitzung appellierte der frisch gewählte Geschäftsführer Wilhelm Hein an das Publikum, das bevorstehende 50jährige Regierungsjubiläum von Kaiser Franz Joseph 1898 zum Anlass zu nehmen, der „glorreichen Regierung S[einer]. M[ajestät]. durch die Errichtung eines Museums für österreichische Volkskunde das schönste und würdigste Denkmal zu errichten“.

Mit dem Sammeln wurde sofort begonnen und im ersten Heft der Zeitschrift per Ende Jänner 1895 waren bereits 24 Inventarnummern ausgewiesen. Wilhelm Hein „demonstrierte“ diese Gegenstände auf der Jahresversammlung des Vereins am 1. Februar 1895 – man könnte diese Minischau als erste Ausstellung bezeichnen. Auch auf den Monatsversammlungen vom 16. März und 20. April wurden die jeweiligen Neuerwerbungen, aber auch leihweise zur Ausstellung überlassene Objekte von Hein den Anwesenden vorgestellt.

Leihschein für die Leihgaben von Julius Pichler anlässlich der Ausstellung im Österreichischen Museum für Kunst und Industrie 1895

Um die Sammlung einem größeren Publikum zu präsentieren, wurde in der Ausschusssitzung vom 21. Juni 1895 beschlossen, im Österreichischen Museum für Kunst und Industrie (dem heutigen Museum für angewandte Kunst MAK) eine „Aufstellung“ der bisherigen Erwerbungen vorzunehmen. Die Schau öffnete bereits am 3. Juli und bot den ca. 8.500 Besucherinnen und Besuchern bis 21. September die Möglichkeit, die bisherigen Bestrebungen des Vereins und seine Sammelziele kennenzulernen. Um geographische und gegenständliche Lücken zu füllen, wurden die eigenen Bestände mit zahlreichen, teilweise verkäuflichen Leihgaben von Privatpersonen und Institutionen ergänzt. So sandte z.B. Julius Pichler, Direktor der Sprengmittelfabrik Brunn am Steinfeld und Obmann des Vereins der niederösterreichischen Landesfreunde, Objekte ein. Die anthropologisch-ethnographische Abteilung des k. k. naturhistorischen Hofmuseums stellte 62 Objekte zur Verfügung, meist Masken für Volksschauspiele, die einige Jahre später als Dauerleihgaben in die volkskundlichen Sammlungen übergehen sollten.

Grundriss der Museumsräumlichkeiten im Börsegebäude

Zum Redaktionsschluss der Zeitschrift am 20. Dezember 1895 verzeichnete der Verein bereits 944 Mitglieder und das Objektinventar 556 Einträge. Als Vereinslokal, Bibliothek und provisorisches Sammlungsdepot diente eine Wohnung im Mezzanin der Liechtensteinstraße 61, die der Vereinskassier Franz Xaver Grössl unentgeltlich zur Verfügung stellte. Aber bereits 1896 zeichnete sich eine entscheidende Verbesserung der Raumsituation ab. Am 26. März konnte mit der Wiener Börsekammer ein Mietvertrag über Räumlichkeiten im Börsegebäude am Ring unterschrieben werden, um dort ein Museum einzurichten. Durch Absiedlung des k.k. österreichischen Handelsmuseums wurde im ersten Stock (Eingang Wipplingerstraße 34) der große Saal mit Blick auf den Börseplatz samt zwei Nebenräumen frei. Weiters bekam der Verein die Nutzungsrechte für ein Zimmer beim Saaleingang sowie je ein Abteil im Keller und am Dachboden zugesprochen. Die Einrichtung des Museums startete am 1. Mai. Zu diesem Zeitpunkt warteten ca. 3.000 Objekte darauf, u.a. in 20 großen Schaukästen, die vom Handelsmuseum zu günstigen Konditionen angekauft werden konnten, ausgestellt zu werden. Die Eröffnung des „Museums für österreichische Volkskunde“ war für Oktober 1896 geplant, musste aber mehrmals verschoben werden, da einerseits die stetig hinzukommenden Neuerwerbungen in die Präsentation eingereiht wurden, und sich andererseits dadurch auch die Fertigstellung des Katalogs verzögerte.

Eine Besonderheit der Museumsräumlichkeiten war die ausgezeichnete Beleuchtung. Vom Handelsmuseum übernommene vier Siemensleuchten sowie weitere Lampen und Luster ermöglichten elektrisches Licht in den Abendstunden und das erstmalige Angebot von Abendöffnungszeiten durch ein Wiener Museum. „Es wird damit in unserer Stadt zum ersten Male der Versuch gemacht werden, der Oeffentlichkeit den Besuch eines Museums zu jenen Stunden zu ermöglichen, welche für die Mehrzahl der Städter allein zu Bildungszwecken zur Verfügung stehen.“

Am Sonntag den 31. Jänner 1897 war es soweit, das Museum wurde eröffnet. Die Besuchszeiten waren für Wochentage von 10 bis 16 Uhr, an jedem Mittwoch von 10 bis 14 Uhr und von 17 bis 20 Uhr und an Sonn- und Feiertagen von 9 bis 12 und von 14 bis 18 Uhr festgesetzt. Diese Öffnungszeiten erfuhren aber alsbald eine Anpassung und das Museum hielt an Sonn- und Feiertagen durchgehend von 9 bis 18 Uhr und an Mittwochen von 10 bis 20 Uhr offen. Der Dienstag wurde zum Schließ- und Reinigungstag.

Der Umfang der Sammlung wurde in der Jahresversammlung vom 29. Jänner 1897 mit rund 7.000 volkskundlichen Objekten angegeben. Das Inventarbuch 1897 beginnt mit der Nummer 5.845, was auf einen Rückstand beim Eintragen der Neuerwerbungen schließen lässt. Der Katalog der Sammlungen des Museums für österreichische Volkskunde in Wien, verfasst von Direktor Michael Haberlandt, Vizedirektor Wilhelm Hein und Verwalter Franz Xaver Grössl schließlich verzeichnet 3.866 Katalognummern, wobei die ausgestellten Stuben samt Einrichtung und die große barocke Jaufenthaler Krippe am Ende des Bandes nur summarisch angeführt sind.

Somit waren in einem erstaunlich kurzen Zeitraum von etwas mehr als zwei Jahren die Mittel zur Erreichung des Vereinszwecks trotz begrenzter personeller und finanzieller Ressourcen vollumfänglich umgesetzt worden. Es sollten aber noch viele Jahre vergehen, bis das etablierte Museum seinen schriftlichen Niederschlag in den Vereinsstatuten fand. Erst 1912 wurden diese neu formuliert. Der Vereinszweck lautete unverändert wie in den Gründungsstatuten von 1894, aber dieser Zweck wurde ab nun auch behördlich genehmigt durch „Erhaltung und Ausgestaltung des k. k. Museums für österreichische Volkskunde in Wien“ erreicht.

Quellen:

Protokolle der konstituierenden Versammlung, Ausschusssitzungen, Monats- und Jahresversammlungen des Vereins für österreichische Volkskunde 1894 bis 1897

Mietvertrag des Vereins für österreichische Volkskunde mit der Wiener Börsekammer vom 26.3.1896

Verein für österreichische Volkskunde (Hg.): Zeitschrift für österreichische Volkskunde I-III. Wien 1895 bis 1897

Michael Haberlandt (Red.): Anzeiger des Vereines für österreichische Volkskunde I. Wien 1896

Herbert Nikitsch: Auf der Bühne früher Wissenschaft. Aus der Geschichte des Vereins für Volkskunde (1894 – 1945). Wien 2006

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