Vereinsarbeit als Überzeugungsarbeit

31. Jänner 2020 | Von Wilhelm Hein gibt es aufgrund seines frühen Ausscheidens aus Verein und Museum im Dezember 1897 kaum schriftliche Dokumente im Archiv. Umso erfreulicher ist es, dass andere Sammlungen Korrespondenz von ihm bewahren. In der Wienbibliothek im Rathaus befindet sich sein Schriftverkehr mit dem Prähistoriker Matthäus Much, insgesamt 18 Stücke aus dem Zeitraum 1890 bis 1903 (13 Briefe, drei Ansichts- und zwei Korrespondenzkarten).

Neun dieser Briefe verfasste Hein auf Briefpapier der Anthropologischen Gesellschaft in Wien. Hier wirkte er von 1890 bis 1895 in der Funktion des zweiten und von 1900 bis zu seinem Tod 1903 in der des ersten Sekretärs. Für drei Schreiben von 1894 verwendete er sein privates Briefpapier mit vorgedrucktem Briefkopf und ein Brief vom 22. Juni 1895 ist auf Briefpapier des Vereins für österreichische Volkskunde verfasst. Hein, zu diesem Zeitpunkt dessen Geschäftsführer, gratulierte Much und brachte ihm zur Ernennung zum Regierungsrat „im Einverständnis mit dem Schriftführer Herrn Dr. Michael Haberlandt die wärmsten Glückwünsche des Vereines für österreichische Volkskunde“ dar.

Im Schreiben vom 23. November 1894 warb Wilhelm Hein noch vor der offiziellen Vereinsgründung Matthäus Much als Mitglied an. Man vermeint, Heins Begeisterung für dieses Projekt förmlich zwischen den Zeilen zu spüren. Und seine Agitation war erfolgreich – das Dankschreiben für den erfolgten Beitritt verfasste er bereits zwei Tage später.

Brief vom 23. November 1894

„Hochgeehrter Herr Doctor!

Damit Sie nicht etwa nächsten Sonntag eine Landpartie nach Donaufeld machen mit der Absicht, mich zu treffen, theile ich Ihnen mit, dass ich nächsten Sonntag Vormittag mit Frack und Cylinder beim Erzbischof Gruscha vorsprechen werde, also nicht zu Hause bin.

Der Grund, warum ich zum Erzbischof gehe, ist der, dass wir, d.h. Dr. Haberlandt, ich, Dr. Hoernes, Dr. Masner, Dr. Riegl und Dr. Sieger, einen Verein für österreichische Volkskunde ins Leben rufen, der bis jetzt bereits 66 privatim geworbene Mitglieder besitzt.

Zweck des Vereines ist die Gründung eines österreichischen Völkermuseums und Herausgabe einer Monatsschrift. Baron Gautsch hat sich an die Spitze gestellt, das Unterrichtsministerium die mächtigste Förderung versprochen und wird wahrscheinlich auch einen Vertreter in den Ausschuss wählen lassen. Von den bis jetzt beigetretenen Herren will ich die Folgenden nennen:

Hofrat Zeissberg, Custos Szombathy, Graf Chorinsky, Graf Lanckorónski , Maler Ludw. H. Fischer, Maler Gaul, Josef Salzer, Prof. Penck, Rath Karrer, Anton Breitner in Mattsee, Prälat Kostersitz, Dr. Kaindl in Czernowitz, Dr. Frimmel, Dr. Fessler, Hofrat Benndorf, Chormeister Kremser, Prof. Büdinger, Georg Wieninger in Schärding, Andreas Reischek in Linz, Hofrath Kaltenegger in Brixen, Prof. Richter in Graz, Prof. Kolbenheyer in Bielitz u.s.w.

Der Mitgliedsbeitrag beträgt 1 fl., bei Bezug der Zeitschrift, deren Verlag auf eigenes Risiko bereits ein Buchhändler auf 5 Jahre zu übernehmen bereit sich erklärt hat, drei Gulden.

Ich erlaube mir nun, an Sie, hochverehrter Herr Doctor, die ergebenste Anfrage zu stellen, ob Sie geneigt wären, unserem Vereine beizutreten und unseren Aufruf, der in 10,000 Exemplaren versandt wird, mit den genannten Herren zu unterzeichnen.

Indem ich bitte, obige Mittheilungen vorläufig als vertrauliche zu betrachten, doch aber in Ihrem Bekanntenkreise, soweit er uns nicht zugänglich sein dürfte, für unsere Sache ein warmer Fürsprecher sein zu wollen, erhoffe ich mir von Ihnen eine gütige und zustimmende Antwort und zeichne mich mit den besten Empfehlungen auch von meiner Frau

hochachtungsvoll

W. Hein“

Brief vom 25. November 1894

„Hochgeehrter Herr Doctor!

Für Ihre liebenswürdige und bereitwillige Beitritts-Erklärung zu unserem Vereine für österreichische Volkskunde sage ich Ihnen meinen verbindlichsten Dank.

Anbei übersende ich zu Ihrer privaten Information den Aufruf, der in etwa drei Wochen mit den gedruckten Unterschriften sammt vollem Titel zur Versendung kommen wird.

Für freundliche Agitation zu unseren Gunsten sehr dankbar zeichnet sich

hochachtungsvoll

W. Hein“

Matthäus Much (1832-1909), Prähistoriker und Konservator der k. k. Zentralkommission für die Erforschung und Erhaltung der Kunst- und historischen Denkmale. Er war Unterzeichner des Aufrufs zum Eintritt in den Verein für österreichische Volkskunde 1894 sowie Vereinsmitglied von 1894 bis zu seinem Tod am 17. Dezember 1909.

Anton Josef Gruscha (1820-1911), Fürsterzbischof von Wien und Herrenhausmitglied. Er trat im Verein nicht mehr aktiv in Erscheinung.

Paul Gautsch von Frankenthurn bereicherte die Sammlungen mit Trachten aus Galizien und der Bukowina (insgesamt 80 Inventarnummern)

Paul Gautsch von Frankenthurn (1851-1918), Jurist und Staatsmann. Er wurde nach einer ersten Funktionsperiode von 1885 bis 1893 im Jahr 1895 zum zweiten Mal zum k. k. Minister für Kultus und Unterricht bestellt sowie ins Herrenhaus berufen. Michael Haberlandt attestierte ihm „unschätzbare Förderung und Unterstützung“ für das Vereinsgründungskomitee. Gautsch war von 1894 an Mitglied des Vereins und wurde in der Jahresversammlung vom 1. Februar 1895 zum Präsidenten gewählt, trat aber bereits im Dezember desselben Jahres wieder zurück. Am 15. Jänner 1897 wurde sein Porträt ehrenhalber in der Museumskanzlei angebracht. Das Unterrichtsministerium förderte den Verein mit regelmäßigen Jahressubventionen, z.B. im März 1895 mit 500 Gulden.

Quellen:

Die Briefe von Wilhelm Hein an Matthäus Much werden in der Handschriftensammlung der Wienbibliothek im Rathaus unter den Signaturen H.I.N.-124023 bis 124040 aufbewahrt. Die beiden zitierten Briefe tragen die Signaturen H.I.N.-124038 und H.I.N.-124037.

Protokolle der konstituierenden Versammlung, Ausschusssitzungen, Monats- und Jahresversammlungen des Vereins für österreichische Volkskunde 1894 bis 1895

Geschäftsbuch der Direktion des Museums für österreichische Volkskunde 1896-1897

Verein für österreichische Volkskunde (Hg.): Zeitschrift für österreichische Volkskunde I. Wien 1895

Herbert Nikitsch: Auf der Bühne früher Wissenschaft. Aus der Geschichte des Vereins für Volkskunde (1894 – 1945). Wien 2006

Elisabeth Egger: Von Einnahmen und Austritten. Neue Erkenntnisse zum Rücktritt von Wilhelm Hein. In: Nachrichten Volkskundemuseum Wien 1. Wien 2018, S. 26-27

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