Verein und Museum im Zitat #5

„Mit bestem Grusse an Alle Willymizi“

Mit „Willymizi“ unterzeichnete Wilhelm Hein am 8. August 1890 einen Brief an seine Schwester Josefine, verehelichte Grill. Er berichtet vom Urlaub, den er und seine Frau Marie in Bergreichenstein im Böhmerwald (heute Kašperské Hory, Tschechien) verbringen, schildert ereignisreiche Wanderungen bei Starkregen und leitet Erklärungen zu einem Ornament, die er vom Orientalisten Julius Euting erhalten hatte, an seinen Bruder Alois Raimund Hein weiter.

Wilhelm Hein (1861-1903) war Mitinitiator, Mitbegründer und bis Ende 1897 Geschäftsführer des 1894 gegründeten Vereins für österreichische Volkskunde sowie Vizedirektor des Museums für österreichische Volkskunde. Er trat im Oktober 1887 als unbesoldeter Volontär in die anthropologisch-ethnographische Abteilung des k. k. naturhistorischen Hofmuseums ein, wo er sich bis zum Kustos-Adjunkten hocharbeitete. Von Dezember 1901 bis Mai 1902 unternahm er gemeinsam mit seiner Frau Marie eine Forschungsreise nach Südarabien. Im Auftrag der kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, der Intendanz des k. k. naturhistorischen Hofmuseums und des Ministeriums für Cultus und Unterricht erkundeten sie das Land, legten ethnographische, botanische und zoologische Sammlungen an, nahmen Texte in den jeweils vor Ort gesprochenen Sprachen auf, führten statistische Erhebungen durch und sammelten topographische Informationen.

Marie Kirchner (1853-1943) und Wilhelm Hein heirateten am 6. Juni 1889. Über Maries Ausbildung und frühe berufliche Tätigkeit ist nichts bekannt, auch nicht, wo und wann sie und Wilhelm einander kennenlernten. Marie Hein war eine Kennerin europäischer Sprachen – sie beherrschte Französisch, Englisch, Italienisch und Spanisch – und erlernte orientalische Sprachen. Vor der Südarabienreise erhielt sie eine Ausbildung im Präparieren zoologischer Objekte, was ihr ermöglichte, die zoologischen und botanischen Kollektionen mit Angabe der heimischen Benennungen anzulegen. Nach dem Tod ihres Mannes am 19. November 1903 wurde sie als Volontärin im k. k. naturhistorischen Hofmuseum beschäftigt, um die ethnographische Sammlung aus Südarabien zu inventarisieren. Sie blieb bis zu ihrer Pensionierung 1925 im Naturhistorischen Museum, zuletzt als wissenschaftliche Hilfskraft. 1914 gab Marie Hein die Schrift „Südarabische Itinerare. Erkundet von Wilhelm Hein“ in einem Separatabdruck der Mitteilungen der k. k. Geographischen Gesellschaft in Wien heraus.

Josefine Grill, geborene Hein (1845-1926) war mit Alois Grill, stellvertretender Generaldirektor der Versicherungsgesellschaft Janus, verheiratet und bewohnte ein Haus in der Rettichgasse 4 in Hietzing (seit 1938 Penzing). Sie nahm ihren erkrankten Bruder 1903 bei sich auf und nach Wilhelms Tod blieb Marie bis Anfang der 1930er Jahre bei ihr wohnen.

Alois Raimund Hein (1852-1937) war akademischer Maler und Zeichenlehrer an Realschulen und befasste sich in mehreren Schriften mit der Neugestaltung des Zeichenunterrichts. Beispielsweise publizierte er 1896 gemeinsam mit seinen Brüdern Wilhelm und Adalbert unter dem Titel „Doppelter Lehrgang für das ornamentale Freihandzeichnen an Volks- und Bürgerschulen“ Unterrichtsmaterialien. Auch sein Interesse für Ornamente fand Niederschlag in mehreren Publikationen. Zu seinem 1890 erschienenen Werk „Die bildenden Künste bei den Dayaks auf Borneo“ verfasste Wilhelm Hein einen umfassenden Index. Alois Hein gilt als der Stifter-Biograph und gründete 1918 in Wien die Adalbert-Stifter-Gesellschaft.

Quellen:

Der zitierte Brief (Wilhelm Hein an Josefine Grill, Bergreichenstein, 8.9.1890) befindet sich im Nachlass Alois Raimund Hein im Archiv des Stifterhauses in Linz.

Gertraud Sturm: Leben für die Forschung: Das Ethnologenpaar Wilhelm und Marie Hein in Südarabien (1901/02). Wien 2007

Elisabeth Egger, Susanne Oberpeilsteiner: „Ich werde mir erlauben, Ihnen am Montag, den 5. d. M., um 10 Uhr vormittags mit meiner Frau einen Besuch zu machen und Ihnen dann die Pariser Sichel zu überreichen“ – Die Korrespondenz von Wilhelm und Marie Hein mit Hugo Schuchardt. In: Grazer Linguistische Studien 85. Graz 2016, S. 57-130

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